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Rede des Sucht- und Drogenbeauftragten auf dem 130. Deutschen Ärztetag

Lieber Klaus,

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

 

ich war Anfang der Woche in der Dietrich Bonhoeffer Klinik in Ahlhorn. Das ist eine kleine Klinik mit 60 Plätzen.

60 Plätze für Kinder und Jugendliche mit Suchterkrankungen und psychischen Erkrankungen.

Abhängigkeit von Opioiden, Cannabis, Alkohol. Dazu Psychosen, posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen. 

Insgesamt gibt es in Deutschland nach allem, was mir Fachärzte und Fachgesellschaften sagen, 85 Plätze für die Suchtrehabilitation von Kindern und Jugendlichen mit schweren psychischen Erkrankungen. 

Und dass, obwohl diese „Doppeldiagnosen“ bei Jugendlichen mit schwerer Substanzgebrauchsstörung wohl eher die Regel als die Ausnahme sind.

Wenn diese Klinik Ende Juni schließt, bleiben uns 25 Plätze. 25 Plätze für ein ganzes Land.

Und es geht nicht um eine Summe, die unser Gesundheitswesen überfordern würde. 

Es fehlen rund 200 Euro pro Kind und Tag. 200 Euro.

Wir geben im Gesundheitswesen jeden Tag etwa 1,3 Milliarden Euro aus.  Aber an dieser Stelle fehlen 200 Euro pro Tag, um junge Menschen früh zu stabilisieren, ihnen Behandlung zu ermöglichen, und sie wieder in Schule, Familie und Alltag zurückzuführen.

Es geht darum Arbeitslosigkeit und Folgeerkrankungen zu verhindern, es geht darum eine Vielzahl weiterer Therapien - Substitutionsbehandlung, vielleicht auch Psychiatrie, Haft oder Maßregelvollzug zu vermeiden.

Es geht darum Leid, Hoffnungslosigkeit den damit verbunden Kosten zu vermeiden.

Diese Klinik zeigt für mich exemplarisch, worüber wir sprechen müssen:

Sie zeigt, dass unser Gesundheitswesen den späten Schaden besser finanziert als die frühe Hilfe.

Sie zeigt, dass technische Medizin, Gerätemedizin und einzelne Prozeduren oft verlässlicher abgebildet werden als sprechende Medizin, Beziehung, Begleitung und Rehabilitation.

Sie zeigt, dass komplexe Behandlungen schnell zwischen die Systeme geraten, wenn sie nicht sauber in eine Zuständigkeit passen – hier etwa, wenn sie Medizin, Psychiatrie, Rehabilitation, Jugendhilfe, Schule zusammenbringen. 

Wenn sie Kräfte bündelt, statt in Sparten zu denken. 

Wenn sie genau das versuchen, was leitliniengerechte Suchtbehandlung heute ausmachen sollte. 

Und während für erwachsene Suchtpatientinnen und Suchtpatienten rund 13.600 Reha-Plätze existieren, sprechen wir bei Kindern und Jugendlichen mit dieser komplexen Kombination über 85 Plätze - und bald nur noch 25 Plätze.

 

Das Beispiel der Klinik in Alhorn zeigt uns, wo genau die Fehlsteuerung unseres Systems liegt, und das weit über die Suchtbehandlung hinaus.

Wir investieren den größten Teil unseres Geldes in die Reparatur von Krankheit, nicht in ihre Vermeidung. 

Wir optimieren die Werkstatt, aber wir verhindern nicht den Schaden. 

Wir behandeln, wenn Krankheit sichtbar, eindeutig und teuer geworden ist. 

Aber wir tun uns schwer, dort zu investieren, wo ein Verlauf noch verändert werden kann.

Nicht Prävention ist zu teuer. 

Teuer ist die Logik eines Systems, das Krankheit erst entstehen lässt, um sie anschließend aufwendig zu behandeln.

Ein leistungsfähiges Gesundheitssystem zeichnet sich nicht nur dadurch aus, wie viel es reparieren kann. Es zeichnet sich daran aus, wie viel Krankheit, wie viel Chronifizierung, wie viel Leid es verhindert. Deshalb gehören die Kosten nicht erst ans Ende des Gesundheitswesens. Sie gehören an den Anfang. 

Suchtmedizin im Wandel bedeutet deshalb nicht nur, neue Substanzen zu verstehen, neue Konsummuster zu beschreiben oder bestehende Versorgung zu verbessern. Es bedeutet, die Logik unseres Handelns zu verändern.

Früher sehen. 

Früher helfen. 

Früher Verantwortung übernehmen.

Prävention scheitert in Deutschland nicht an mangelnder Evidenz. Sie scheitert an Zuständigkeiten. Sie scheitert an einer Finanzierungslogik, die Reparatur belohnt und Vermeidung benachteiligt. 

Ja, Prävention ist politisch unbequem, weil ihr Erfolg leise ist.

 Man misst nicht, was passiert – sondern was nicht passiert.

Weniger Herzinfarkte.

Weniger Diabetes.

Weniger Krebs.

 Der Effekt kommt oft Jahre später.

 Eine politische Ebene zahlt – eine andere profitiert.

 Prävention zu fordern ist gefällig.

 Prävention zu finanzieren und konsequent in das System zu integrieren ist es nicht.

Das Beitragsstabilisierungsgesetz ist in meinen Augen keine Strukturreform, sondern eine Notbremse.

Eine Notbremse, die Zeit kauft, damit echte Reformen folgen!

Denn wir brauchen dringend tiefgreifende Veränderungen. 

Wir brauchen einen grundlegenden, radikalen Schritt in ein echtes präventionszentriertes Gesundheitssystem:

Um das zu erreichen brauchen wir: eine bessere Bindung an die Hausarztpraxis und mehr Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung.

Dafür brauchen wir ein Primärversorgungssystem mit klarer Verantwortungsübernahme für die Versorgung und einer Vergütung über eine jährliche Pauschale statt über einzelne Kontakte. 

Dafür braucht es den Schritt raus dem Hamsterrad der Quartalslogik hin zu einer Vergütung der Vorbeugung. 

Ich erwähne das, weil es im besonderen Maße für die Suchtmedizin entscheidend ist! Suchterkennung, Suchtvermeidung, Prävention und Frühintervention passen schlecht in ein System, das vor allem dann verlässlich reagiert, wenn Krankheit bereits sichtbar, schwer und teuer geworden ist. Suchtmedizin bedeutet frühes Erkennen, frühe Hilfe und frühe Intervention.

Sucht findet mitten in unserer Gesellschaft statt. Rund zehn Millionen Menschen in Deutschland sind abhängig oder suchtkrank.

Und hinter jedem dieser Schicksale stehen viele weitere Menschen: Partnerinnen und Partner, Eltern, Kinder, Freundinnen und Freunde, Kolleginnen, ganze Teams.

Was individuell beginnt, wird in der Summe zu einem gesellschaftlichen Problem – und zu einem erheblichen volkswirtschaftlichen Schaden.

Sucht kostet uns nicht nur Gesundheit. Sie kostet uns Produktivität, Arbeitsfähigkeit und soziale Stabilität. Die gesamtwirtschaftlichen Kosten gehen in die zig Milliarden Euro pro Jahr.

Süchte und ihre Folgen sind nicht neu. Aber die Welt, in der Sucht entsteht, hat sich gewandelt. Sie ist schneller geworden, digitaler, aggressiver und näher an der Lebenswelt junger Menschen.

Früher haben wir vor allem über Tabak, Alkohol und illegale Drogen gesprochen. Heute kommen neue Nikotinprodukte hinzu, Einweg Vapes mit Aromen wie Salted Caramel, Coca-Cola oder Strawberry Kiwi. 

Nikotinbeutel, die eigentlich verboten sind, aber dennoch auf Schulhöfen immer häufiger zu haben. 

Tilidin und Benzodiazepine, die in Teilen der Rap Kultur mittlerweile gefeiert werden. 

Kokain, das nicht mehr nur in einzelnen Szenen vorkommt, sondern in Partykulturen und Teilen der gesellschaftlichen Mitte vollkommen normal geworden sind 

Und dazu synthetische Opioide, die eine bis zu 500-fache Potenz im Vergleich zu herkömmlichen Heroin haben.

Das Entscheidende ist nicht nur, dass neue Substanzen dazukommen. 

Das Entscheidende ist, dass Einstieg, Verfügbarkeit und Verharmlosung näher zusammengerückt sind. 

Produkte werden süßer, Verpackungen bunter, Werbung gezielter, Beschaffung einfacher und Risiken unsichtbarer. 

Genau darauf muss moderne Suchtpolitik antworten.

Wir müssen Kinder und Jugendliche besser vor Produkten schützen, die gezielt auf Einstieg und Gewöhnung angelegt sind. Wo Aromen, Design und digitale Werbung junge Menschen ansprechen, darf Politik nicht so tun, als ginge es nur um individuelle Konsumentscheidungen. 

Deshalb werbe ich für höhere Tabaksteuern, strengere Regeln bei Vapes und ein Verbot gesundheitsschädlicher Zusatzstoffe. Deshalb müssen wir auch beim Alkohol klarer werden und das begleitete Trinken ab 14 Jahren abschaffen. 

Deshalb müssen wir auch schneller werden. 

Illegale Märkte warten nicht auf Jahresberichte. Dealerstrukturen sind digitaler, Lieferketten professioneller, Substanzen potenter und Konsummuster wechselhafter geworden. 

Wenn Märkte schneller werden, müssen auch wir schneller werden. 

Deshalb arbeiten wir an einer ressortübergreifenden Strategie zu synthetischen Opioiden. 

Deshalb arbeiten wir an einem nationalen Monitoring, das Rettungskräfte, Suchthilfe, Ordnungsbehörden und Konsumierende früh erreicht. 

Und deshalb haben wir Naloxon von der Rezeptpflicht ausgenommen, damit es niedrigschwellig verfügbar wird. 

Nicht zuletzt müssen wir Prävention dort verankern, wo junge Menschen sich aufhalten. 

 In Schulen, in Familien, in sozialen Medien, auf Plattformen, in Parks, vor Schulen und in Innenstädten. 

Dort, wo Vapes als Lifestyle verkauft werden. 

Dort, wo riskante Challenges Klicks bringen. 

Dort, wo Tilidin, Benzodiazepine oder Kokain verharmlost werden. 

Und dort, wo am Ende auch gekauft wird.

Dabei geht es ultimativ um Eigenverantwortung. 

Aber Eigenverantwortung ist kein Instinkt. 

Und Eigenverantwortung fällt nicht vom Himmel. 

Eigenverantwortung erwächst aus Wissen und aus Übung. 

Und genau hier müssen wir systematisch fördern. Nicht als moralischen Zeigefinger, sondern als Lebenskompetenz. 

Aber das Erlernen der Lebenskompetenz nicht vom Zufall abhängen. Heute hängt sie vielerorts noch zu stark am Engagement einzelner Lehrkräfte oder an befristeten Projekten. Das reicht nicht. Prävention muss altersgerecht, wiederkehrend und praktisch sein. 

Dazu gehört auch ein Kinder und Jugendschutz, der den digitalen Alltag ernst nimmt. 

Wir brauchen verlässliche Altersgrenzen, wirksame Altersverifikation und Voreinstellungen, die Kinder schützen. 

Weniger suchtverstärkendes Design. 

Weniger endloses Scrollen. 

Weniger algorithmische Verstärkung von Extremen. Medienkompetenz bedeutet heute nicht nur, Falschmeldungen zu erkennen. Sie bedeutet auch, Manipulation, Abhängigkeit und digitale Verführung zu verstehen.

Bei Cannabis zeigen sich diese Fragen ganz besonders deutlich: Mir geht es dabei nicht um Kulturkampf, sondern um Gesundheitsschutz.

Wenn Konsum im Alltag von Kindern sichtbar ist, 

wenn Cannabis an Haltestellen, in Parks oder im häuslichen Umfeld präsent ist 

Wenn Cannabis Zuhause neben dem Essenstisch ganz normal angebaut wird, dann müssen wir hier doch klar benennen was passiert: 

Hier haben sich bereits Normalitätsgrenzen verschoben. 

Und das ist für junge Menschen nicht folgenlos.

Hinzu kommt, dass der Markt für Medizinalcannabis in einer Weise gewachsen ist, der nichts mit Medizin zu tun hat. 

Wenn der Import von 8 Tonnen auf über 200 Tonnen ansteigt, wenn Cannabis über zwei, drei Klicks online verschrieben wird und wenn Marketing für ein Medikament wie für ein Lifestyle Produkt stattfindet - dann geht es nicht mehr nur um ein Medikament, dann geht es auch um die Glaubwürdigkeit der Medizin und Politik, die Kontrolle und Durchsetzungsfähigkeit der Ordnungskräfte und insgesamt der Frage des Gesundheitsschutzes.

Ich kann Ihnen heute nicht sagen, wann ein neues Cannabisgesetz kommt. Als Beauftragter bin ich nicht Herr des Verfahrens. Aber ich kann klar sagen, woran wir ranmüssen. Konsum darf dort nicht stattfinden, wo Kinder und Jugendliche unterwegs sind. 

Regeln müssen verständlich sein. 

Und Regeln müssen auch durchgesetzt werden.

Der dritte große Punkt in diesem Bereich sind die frühen Hilfen. Viele Menschen kommen nicht zu spät in Behandlung, weil sie gleichgültig sind. 

Sie kommen zu spät, weil sie sich schämen, weil sie Angst haben, weil sie lange glauben, es allein schaffen zu müssen. Suchterkrankungen isolieren. Sie werden versteckt, verharmlost und entschuldigt, nach außen und oft auch vor sich selbst.

Für die Suchtmedizin gilt deshalb ein einfacher Grundsatz. Es gibt selten ein zu früh, aber sehr leicht ein zu spät.

Dafür brauchen wir verlässliche Strukturen in der Primärversorgung, in Notaufnahmen, in der Kinder und Jugendmedizin, in Schulen, im virtuellen Raum, in der Jugendhilfe und in der Suchthilfe. 

Nicht als lose Nebeneinanderstellung, sondern als verbindliche Kette. 

Wer ein Risiko erkennt, muss wissen, wohin. Wer Hilfe sucht, darf nicht erst durch fünf Zuständigkeiten fallen.

Prävention heißt hier nicht nur warnen. Prävention heißt, Hilfe leicht erreichbar zu machen. 

 

Meine Damen und Herren,

was für die Suchtmedizin gilt, gilt für unser Gesundheitswesen insgesamt. Wir brauchen ein präventionszentriertes Gesundheitswesen, nicht als freundliche Ergänzung, sondern als neue Ordnung unseres Handelns. Gesundheit muss vom Menschen her gedacht werden, nicht vom Abrechnungssystem. 

Dafür brauchen wir nicht einfache Reformen, sondern den Mut, visionäre und radikale Veränderungen zu machen. 

Dafür brauchen wir eine starke Primärversorgung, die nicht nur überweist, sondern führt. Eine Kinder- und Jugendmedizin, die frühe Risiken erkennt. Eine Psychotherapie und Suchthilfe, die erreichbar ist, bevor die Krise eskaliert. Eine Jugendhilfe, die mit Medizin und Schule verbunden ist. 

Dafür braucht es aber mehr als guten Willen. Es verlangt eine andere Vergütungslogik. Frühes Handeln muss sich lohnen. Gespräch, Begleitung, Koordination und Stabilisierung dürfen nicht schwächer stehen als Technik, Prozedur und späte Behandlung.

Ein modernes Gesundheitswesen darf sich damit nicht zufriedengeben. Es muss früher Verantwortung übernehmen. Genau darin liegt die eigentliche Reformaufgabe.

Ernstgemeinte Prävention verlangt Mut.

Sie verlangt Mut, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. 

Politik darf sich hier auch nicht wegducken. 

Die Politik ist hier gefragt, Verantwortung zu übernehmen und vor allem Entscheidungen zu treffen und Investitionen zu machen, die sich vielleicht erst in 10 bis 15 Jahren auszahlen.

Die Menschen spüren, dass kleine Korrekturen im Gesundheitssystem nicht mehr reichen. 

Patientinnen und Patienten spüren es. Ärztinnen und Ärzte, Pflegende, Kliniken, Praxen, Kassen, Forschung und Industrie spüren es. Wir können nicht jedes Jahr neue Finanzlücken schließen und gleichzeitig die innere Logik unangetastet lassen, die diese Lücken immer wieder größer macht.

Jetzt ist der Moment, über das Gesundheitssystem nicht nur als Kostenapparat zu sprechen, sondern als Zukunftsinfrastruktur unseres Landes.

Wenn wir Ahlhorn verlieren, verlieren wir nicht nur 60 Plätze. Wir verlieren genau die Art von Versorgung, von der wir politisch ständig sagen, dass wir sie wollen: früh, integriert, menschlich und wirksam. Darum geht es. 

Nicht um eine einzelne Klinik allein, sondern um die Frage, ob wir den Mut haben, unser System nach vorne auszurichten.

Das beste Gesundheitssystem ist nicht das mit den meisten Behandlungen. Es ist das mit den gesündesten Menschen.

Vielen Dank.