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REITOX-Jahresbericht 2025 zur Situation illegaler Drogen in Deutschland erschienen

Streeck: "Neue Substanzen setzen europäischen Drogenmarkt unter Druck – wir müssen wachsam sein und konsequent gegensteuern"

Heute wurde der jährliche Bericht der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (DBDD) zur Situation illegaler Drogen in Deutschland vorgestellt. Die 12-Monats-Prävalenz des Konsums irgendeiner illegalen Substanz in der erwachsenen Allgemeinbevölkerung ist stabil: sie lag im Jahr 2024 mit 3,7 % nahezu gleichauf mit der Vorerhebung 2021 (3,6 %). Auch bezüglich des Konsums von Cannabis waren 2024 keine signifikanten Veränderungen zu verzeichnen.

Im Gegensatz zu dieser relativen Stabilität des Konsums in der Allgemeinbevölkerung zeigt sich an den Drogentodesfällen ein Trend zum komplexen, hochriskanten Mischkonsum: In fast 80 Prozent aller Drogentodesfälle im Jahr 2024 wurden mehrere Substanzen nachgewiesen. Mischkonsum birgt aufgrund unvorhersehbarer Nebenwirkungen besondere gesundheitliche Risiken und erschwert auch die medizinische Versorgung im Notfall. Zudem stieg 2024 der Anteil junger verstorbener Personen bis 29 Jahre an. Der Bericht zeigt zudem Veränderungen am Drogenmarkt auf: Die Heroinreinheit im „Großhandel“ ist von 32,5 Prozent im Jahr 2023 auf nur noch 11,3 Prozent im Jahr 2024 gefallen. Mit dieser Entwicklung geht ein erhöhtes Risiko für gefährliche Streckungen mit neuen, hochpotenten synthetischen Opioiden einher. Auch in gefälschten Tabletten, die in der Aufmachung legaler Medikamente verkauft werden, wurden zuletzt neue synthetische Opioide aufgefunden. Gleichzeitig bleibt die Verfügbarkeit von Kokain hoch, und Crack ist in manchen offenen Drogenszenen inzwischen die am häufigsten konsumierte Substanz.

Für den Beauftragten der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen, Prof. Dr. Hendrik Streeck, macht der REITOX-Bericht unmissverständlich deutlich: „Wir erleben eine neue, hochdynamische Entwicklung auf dem Drogenmarkt. Hochpotente synthetische Opioide wie Fentanyl und Nitazene sind auch in Deutschland angekommen. Sie werden offen auf dem Schwarzmarkt gehandelt oder unbemerkt anderen Substanzen wie Heroin beigemischt – häufig, um die stark gesunkene Qualität auszugleichen. Diese Stoffe sind extrem wirksam: Schon winzigste Mengen können tödlich sein. Selbst für Menschen mit langer Konsumerfahrung sind sie völlig unkontrollierbar. Gleichzeitig sehen wir, wie sich Crack in offenen Drogenszenen ausbreitet – mit dramatischen sozialen Folgen und einer realen Überforderung vieler Städte. Diesen Entwicklungen dürfen wir nicht tatenlos zusehen. Wir müssen jetzt wachsam sein und entschlossen gegensteuern, damit sich diese Dynamik nicht weiter verfestigt.“

Streeck betont zugleich, dass es wichtige Fortschritte gibt, auf denen aufgebaut werden kann: „Die Entlassung von Naloxon aus der Verschreibungspflicht und seine Verfügbarkeit bei Hilfsorganisationen, Polizei und im Justizvollzug wird Leben retten. Auch die Aufstockung der Bundesmittel für Suchtprävention auf 18 Millionen Euro – trotz angespannter Haushaltslage – ist ein wichtiges Signal. Zudem wird das bundesweite Frühwarn- und Monitoringsystem konsequent weiterentwickelt. Das alles ist richtig und notwendig. Zugleich müssen wir realistisch bleiben: Der Bund ist nur ein Akteur unter vielen. Entscheidend ist, dass Länder und Kommunen diese Entwicklungen ernst nehmen und gemeinsam handeln. Die Zeit, sich vorzubereiten, ist jetzt.“

Esther Neumeier, Leiterin der DBDD, betont: „Evidenzbasierte Drogenpolitik benötigt eine belastbare Datenbasis. Wir müssen die Daten aus allen Bereichen zusammenführen, um zu einer Gesamteinschätzung der aktuellen Lage zu kommen – vom Konsum über gesundheitliche Schäden bis hin zu Drogentodesfällen und Schwarzmarktentwicklungen. Hierfür ist auch unsere enge Zusammenarbeit im europäischen Netzwerk und mit der europäischen Drogenagentur zentral, weil die beobachteten Entwicklungen immer mehrere Länder betreffen. Aber ebenso dringend brauchen wir gute und aktuelle Daten zur Verfügbarkeit und Wirksamkeit von Prävention, Schadensminderung und Therapie, um auf die beobachteten Entwicklungen reagieren zu können.“

Der Bericht macht auch deutlich, dass die Präventionslandschaft nach den pandemiebedingten Einschränkungen wieder an Stärke gewinnt. Gleichzeitig zeigt eine aktuelle Umfrage der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) aber, dass viele Suchtberatungsstellen mit unsicheren Budgets arbeiten und kaum Planungssicherheit haben – ein strukturelles Problem in einer Zeit, in der neue Substanzen schneller auftreten und schnellere Lösungen erforderlich machen.

Der vollständige Bericht mit allen Workbooks ist hier abrufbar: www.dbdd.deExterner Link